Eigentlich ist sie ja immer ganz brav, dieses junge Mädchen, jungfräulich, teilweise etwas wild, und sie bricht normalerweise selten über die Stränge.
Wenn sie an meiner Hütte vorbeikommt ist sie gerade mal 30 Kilometer alt.
Geboren am Lahnkopf, wo sie sich von ihren Geschwistern Eder und Sieg getrennt hat
Sie braucht fast 250 Kilometer um sich mit ihrem Gemahlen dem großen und herrschaftlichen Rhein zu vereinen.
Aber heute,- heute ist sie böse, sehr , sehr böse.
Ich habe den Eindruck, sie will mich, sie will uns fressen.
Die Wellen haben das Gartentor überschritten und überfluten langsam den mit Backsteinen geklinkerten Grillplatz.
Noch vor wenigen Stunden loderte hier ein wohlig, wärmendes Feuer.
Selbst die vor Glut strotzenden starken Eichebalken konnten diesem Hochwasser kein Paroli bieten.
Zischend und mit hoch aufsteigendem Rauch erloschen die letzten Flammen.
Keine Fackeln erleuchteten uns mehr einen Weg nach irgendwo.
Es war stockdunkel und das Tosen des Flusses hatte eine beängstigende, bedrohliche Form angenommen.
Wenn doch dieser blöde Regen bloß aufhören würde.
Jeder Tropfen war ein Tropfen zuviel des Guten.
Jeder Tropfen raubte uns ein Stückchen Hoffnung.
Morgen ist Heilig Abend und ich möchte einfach nur nach Hause.
Ich weiß nicht was die anderen in diesem Augenblick der Dunkelheit gedacht haben, aber ich glaube wir alle hatten eine Scheissssss - Angst.
Zugegeben hat das natürlich keiner.
Mit sieben Leuten saßen wir fest.
Mein Sohn David, dem diese Situation total gefiel; endlich Abenteuer anstatt die heile Welt des deutschen Schlagers. Ein pubertierender Teenager, der mit seiner Kraft nicht weiß wohin.
Vorgestern war der 21 Dezember, der Tag für den die Mayas den Weltuntergang vorhergesagt haben.
Der junge Mann wollte doch vor der Apokalypse wenigstens einmal, sein erstes Mal, erlebt haben.
Jetzt haben wir den 23 Dezember und David ist immer noch Jungmann. Gott sei Dank!!!
Meine Tochter Elisa, die bei einer renommierten deutschen Fluggesellschaft beschäftigt ist und wegen diesem Schlamassel ihre geplanten Flüge absagen musste. Lieb wie sie ist, konnte sie mit dieser Situation gar nicht umgehen und dachte der gesamte Flugverkehr in Europa bricht zusammen. So ist sie einfach, immer auf die anderen bedacht, lieb und absolut süß.
Mein Schwiegersohn Thomas, durchtrainiert, kernig und ein Kerl wie aus dem Bilderbuch, aber jetzt voller Angst um sich und seine kleine Familie, die durch die Fluten von ihm getrennt war.
Es war erst das zweite Weihnachten mit seiner kleinen süßen Tochter Leni. Der goldige Fratz freut sich auf´s Christkind. Aber wie soll das Christkind ohne den Papa zurecht kommen?
Heimlich wischte sich Thomas die Tränen vom Gesicht.
Mein Schwager Elmar - er fährt mit seinem Jeep durch Skandinavien, Polen und die Ukraine.
Ihn kann niemand erschüttern. Er kann alles. Wir sagen immer, „es empfiehlt sich immer etwas ELMAR im Haus zu haben. Aber selbst diesem, sich immer zu helfendem Bullen, ging die Muffe.
Sein Auto blieb ihm in den fernen Ländern erhalten, aber jetzt war er voller Sorge, dass ihm die Lahn die Luftmatratze unter dem Hintern wegreißt.
Meine Schwägerin Sonja, die Frau von Elmar, eine kleine zierliche Person mit einer ansteckenden liebenswerten Art.Wenn Sonja lacht, dann lacht die ganze Welt und wenn sie Kuchen backt, dann schwärmt davon die ganze Welt.
Im Vorratsschrank waren zwar noch die Zutaten für ein leckeres Gebäck, aber das Gas zum anheizen für den Ofen war absolut feige und hatte sich mittlerweile still und heimlich von uns verabschiedet.
Dann war da noch mein Schwager Christof, der Mann der Schwester meiner Frau.
Sehr, sehr, sehr hoch gewachsen, etwas schlacksig, aber immer witzig.
Wir, die Familie verkennen ihn meistens durch seine Art.
Selten erwähnt jemand, daß er ein sehr erfolgreicher Unternehmer ist und tagtäglich dafür gerade steht, das seine Angestellten und ihre Familien ihr Auskommen haben.
Und dann bin da ja auch noch ich.
Immer eine große Klappe, immer der Clown und gut gelaunt.
Ich finde doch eigentlich immer eine Lösung, aber jetzt scheiße ich mir vor Angst fast in die
Hosen.Hoffentlich sind keine Paparazzies da, die jetzt die braunen Stellen am Arsch, meiner mittlerweile sowieso verdreckten Jeans sehen.
Sind es meine Nerven, die blank liegen, oder höre ich von draußen wirklich seltsame Geräusche.
Noch gerade waren da die mittlerweile fast beruhigenden Wellen der Lahn zu hören, aber jetzt......,
jetzt erschien es mir als würde uns eine Horde besoffener und grunzender Asozialer angreifen.
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